Die Reportage: "Na, was schrumpft, wenn mein Produkt billiger ist?"
ROCKENHAUSEN: Es dauert, bis die Schüler auf die Lösung "Gewinn" kommen - Gespräche mit Unternehmern bei "BOSS"-Tag
Die zehn Neuntklässler der Realschule und des IGSMR blicken
Markus Porten stumm an. Keiner der Jugendlichen hat die für Unternehmer doch so
entscheidende Antwort parat. Porten, der mit seiner Firma aus Hermeskeil durch
den Internet-Auftritt "www.staubbeutel.de" jährlich 1,4 Millionen Mark umsetzt,
stellt die Aufgabe - etwas ungeduldig - noch einmal: "Na, was schrumpft, wenn
mein Produkt billiger ist als das anderer Anbieter". Endlich. J0hannes geht ein
Licht auf: "Der Gewinn", sagt er und trifft den unternehmerischen Nagel auf den
Kopf. Ja, für die Schüler gibt es noch einiges zu lernen über die
Selbstständigkeit.
Deswegen wird ja auch das Gespräch mit Unternehmern gesucht beim
gestrigen Projekttag "BOSS". Ja, aber warum sollten die Leute denn sonst über
das internet einkaufen, wenn dasselbe Produkt im Geschäft vor Ort genauso viel
kostet? Diese Antwort gibt der erfolgreiche Jungunternehmer gleich selbst: "Die
Dienstleistung im internet muss ein Problem des Kunden lösen." So wie seine
Idee. Die Meisten, die Staubsaugerbeutel kaufen wollen, wissen nämlich nicht,
welche Marke in welcher Größe auf ihren speziellen Staubsauger passt. Immerhin
gibt es 4000 verschiedene Staubbeutel. Die Schüler schlucken. Nun muss die
Vertreterin des Bildungsministerium als Demonstrationsobjekt herhalten. Sie weiß
zwar gerade noch die Marke ihres Staubsaugers, nicht jedoch die Fabrikat-Nummer,
nach der sich der Staubbeutel richtet. Das kann man unter www.staubbeutel.de im
internet nachlesen, mit vier Klicks auch gleich bestellen. Ganz einfach, ein
erfolgreicher Unternehmer zu werden, oder?
In der Landwirtschaft, speziell als Winzer, allerdings nicht. Es
sei denn, man kann den elterlichen Betrieb übernehmen. Diese nüchterne
Erkenntnis hält Peter Linxweiler vom Weingut Hahnmühle im nächsten Workshop
fest. Für die Schüler ist das aber halb so schlimm, denn schließlich hat von
ihnen "keiner Bock auf Landwirtschaft". Zwar ist man sein eigener Herr, an der
frischen Luft und so, aber man hat ja auch kaum Freizeit. Der Einwurf eines
Lehrers, dass man ja auch als Winzer krankenversichert ist, die Kosten
übernommen werden, erntet bei Linxweiler nur ein Schmunzeln: "Und wer schafft
die Arbeit, wenn gerade Saison ist?" Keine Antwort. Auch die Schüler haben
inzwischen kapiert, dass ein Angestellter von einem Betrieb in dieser
Größenordnung nicht zu bezahlen ist. Und im speziellen Fall der Landwirtschaft
kommt ja auch noch der Risikofaktor "Natur" hinzu. Linxweiler: "Im Jahr 1997
sind uns zum Beispiel im Frühjahr 80 Prozent der Knospen verfroren. Die Arbeit
ging trotzdem weiter. Bei 80 Prozent weniger Umsatz." Selbstständiger Winzer
werden? Zumindest die Schüler dieses work-shops hat diesen Berufswunsch schon
längst abgehakt.
igr-Mitarbeiter zu sein, wäre da wohl eher was für die
Jugendlichen. Da wird auch nachgefragt. "Wir verfolgen die Philosophie, dass der
Mitarbeiter auch Mitunternehmer ist. Er kann sich an der Firma beteiligen, die
Löhne, auch unserer 13 Azubis, orientieren sich an der Leistung", sagt igr-Chef
Werner Andres. Die Schüler werden hellhörig. Und als Bauzeichner hat man auch
nichts mehr mit Zeichenbrett und Stift zu tun, sondern agiert ausschließlich am
Computer. igr-Projekte in Saudi Arabien oder Florida machen attraktive
Auslandsaufenthalte möglich. Aber auch hier sind Engagement und Leistung
gefragt. Und so richtig selbstständig ist man auch nicht. Selbstständig sein,
als Chefin einer kleinen Pension. Das ist Mareikas Traum. "Ich bin ein richtiger
Stress-Mensch", sagt sie. "Stress macht mich krank", entgegnet Graziella. Sie
wird nicht selbstständig. (lor)
RON - RHEINPFALZ ONLINE,
Freitag, 28. Sep 01