BOSS  - Pressebericht
28. September 2001

Die Reportage: "Na, was schrumpft, wenn mein Produkt billiger ist?"
ROCKENHAUSEN: Es dauert, bis die Schüler auf die Lösung "Gewinn" kommen - Gespräche mit Unternehmern bei "BOSS"-Tag

Die zehn Neuntklässler der Realschule und des IGSMR blicken Markus Porten stumm an. Keiner der Jugendlichen hat die für Unternehmer doch so entscheidende Antwort parat. Porten, der mit seiner Firma aus Hermeskeil durch den Internet-Auftritt "www.staubbeutel.de" jährlich 1,4 Millionen Mark umsetzt, stellt die Aufgabe - etwas ungeduldig - noch einmal: "Na, was schrumpft, wenn mein Produkt billiger ist als das anderer Anbieter". Endlich. J0hannes geht ein Licht auf: "Der Gewinn", sagt er und trifft den unternehmerischen Nagel auf den Kopf. Ja, für die Schüler gibt es noch einiges zu lernen über die Selbstständigkeit.
 
Deswegen wird ja auch das Gespräch mit Unternehmern gesucht beim gestrigen Projekttag "BOSS". Ja, aber warum sollten die Leute denn sonst über das internet einkaufen, wenn dasselbe Produkt im Geschäft vor Ort genauso viel kostet? Diese Antwort gibt der erfolgreiche Jungunternehmer gleich selbst: "Die Dienstleistung im internet muss ein Problem des Kunden lösen." So wie seine Idee. Die Meisten, die Staubsaugerbeutel kaufen wollen, wissen nämlich nicht, welche Marke in welcher Größe auf ihren speziellen Staubsauger passt. Immerhin gibt es 4000 verschiedene Staubbeutel. Die Schüler schlucken. Nun muss die Vertreterin des Bildungsministerium als Demonstrationsobjekt herhalten. Sie weiß zwar gerade noch die Marke ihres Staubsaugers, nicht jedoch die Fabrikat-Nummer, nach der sich der Staubbeutel richtet. Das kann man unter www.staubbeutel.de im internet nachlesen, mit vier Klicks auch gleich bestellen. Ganz einfach, ein erfolgreicher Unternehmer zu werden, oder?
 
In der Landwirtschaft, speziell als Winzer, allerdings nicht. Es sei denn, man kann den elterlichen Betrieb übernehmen. Diese nüchterne Erkenntnis hält Peter Linxweiler vom Weingut Hahnmühle im nächsten Workshop fest. Für die Schüler ist das aber halb so schlimm, denn schließlich hat von ihnen "keiner Bock auf Landwirtschaft". Zwar ist man sein eigener Herr, an der frischen Luft und so, aber man hat ja auch kaum Freizeit. Der Einwurf eines Lehrers, dass man ja auch als Winzer krankenversichert ist, die Kosten übernommen werden, erntet bei Linxweiler nur ein Schmunzeln: "Und wer schafft die Arbeit, wenn gerade Saison ist?" Keine Antwort. Auch die Schüler haben inzwischen kapiert, dass ein Angestellter von einem Betrieb in dieser Größenordnung nicht zu bezahlen ist. Und im speziellen Fall der Landwirtschaft kommt ja auch noch der Risikofaktor "Natur" hinzu. Linxweiler: "Im Jahr 1997 sind uns zum Beispiel im Frühjahr 80 Prozent der Knospen verfroren. Die Arbeit ging trotzdem weiter. Bei 80 Prozent weniger Umsatz." Selbstständiger Winzer werden? Zumindest die Schüler dieses work-shops hat diesen Berufswunsch schon längst abgehakt.
 
igr-Mitarbeiter zu sein, wäre da wohl eher was für die Jugendlichen. Da wird auch nachgefragt. "Wir verfolgen die Philosophie, dass der Mitarbeiter auch Mitunternehmer ist. Er kann sich an der Firma beteiligen, die Löhne, auch unserer 13 Azubis, orientieren sich an der Leistung", sagt igr-Chef Werner Andres. Die Schüler werden hellhörig. Und als Bauzeichner hat man auch nichts mehr mit Zeichenbrett und Stift zu tun, sondern agiert ausschließlich am Computer. igr-Projekte in Saudi Arabien oder Florida machen attraktive Auslandsaufenthalte möglich. Aber auch hier sind Engagement und Leistung gefragt. Und so richtig selbstständig ist man auch nicht. Selbstständig sein, als Chefin einer kleinen Pension. Das ist Mareikas Traum. "Ich bin ein richtiger Stress-Mensch", sagt sie. "Stress macht mich krank", entgegnet Graziella. Sie wird nicht selbstständig. (lor)
 
RON - RHEINPFALZ ONLINE, Freitag, 28. Sep 01



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