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ressebericht - 11. Mai 2005
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Fallen die täglichen drei Feierabend-Bier unter Sucht?
ROCKENHAUSEN : Zwei Neuntklässler der Realschule moderieren Unterrichtsstunden zu Drogenprävention
Ist es unproblematisch, gefährlich oder schon Sucht, wenn ein älterer Mann abends vor dem Zu-Bett-Gehen ein Gläschen Cognac trinkt? Oder wenn ein Steuerberater mittleren Alters jeden Tag nach Feierabend drei Flaschen Bier trinkt, um den Stress des beruflichen Alltags zu bewältigen, um sich dann schlafen zu legen? Und was ist mit dem Mann, der zum Frühstück einen Schnaps trinkt, damit die Hände nicht mehr so stark zittern?
Alles Fragen, die Schüler der Klasse 9b der Realschule in Rockenhausen diskutiert haben. Dabei stand zur Abwechslung nicht ihre Lehrerin Anja Buchheit vorm Pult. Vielmehr waren Sven Steller und Saskia Scheid in der Mitte des Stuhlkreises und moderierten die beiden Schulstunden, in denen es um Sucht und Prävention ging. Freiwillig hatten sich die beiden Schüler zu einem Seminar gemeldet, das im Vorfeld in der Steinbacher Jugendherberge stattgefunden hatte, und das sich zum Ziel gesetzt hatte, jugendliche „Multiplikatoren" für das Thema zu sensibilisieren, weil sie über intensivere Kontakt- und Einflussmöglichkeiten als beispielsweise Eltern oder Lehrer verfügen.
Den Einstieg in die Stunde bildete eine Bestandsaufnahme. Wer greift wie oft zu bestimmten Techniken, wenn er oder sie „schlecht drauf ist". An der Tafel galt es, farbige Punkte zu vorher erfragten Dingen zu verteilen wie laute Musik hören, telefonieren, lernen, selbst Musik machen, Freund oder Freundin kontaktieren, Computer spielen, Fernsehen oder schlafen. Auch wenn sehr schnell deutlich wurde, dass fast jeder aus der Klasse Erfahrungen im Umgang mit Alkohol und Zigaretten hat, kam dieses Thema erst intensiv zur Sprache, als Zettelchen mit kleinen Alltagsgeschichten die Runde machten und die 15- bis 16-Jährigen aufgefordert werden, sie in die eingangs erwähnten Kategorien einzusortieren. Zuvor hatten Sven und Saskia das Tankmodell erläutert, nach dem es „Mittelchen" gibt, die den Tank füllen, aber auch solche, die das Füllen verhindern, weil sie den Tank verstopfen.
Dabei ging es nicht nur um Drogen im herkömmlichen Sinn, sondern auch um Medikamentenmissbrauch, Magersucht, Bulimie, aber auch Alkohol und Zigaretten, mit denen die Jugendlichen bereits Erfahrung gesammelt haben. Die Einordnung in die Kategorie Sucht blieb dabei die Ausnahme - es ist anscheinend normal, denn „am Wochenende ballert man sich ab". Auch, dass sich Kumpels regelmäßig in der Disco Mut antrinken, um eine Freundin zu finden, wurde in die Kategorie „gefährliches Verhalten" einsortiert. Als jedoch die Rede von der Hausfrau war, die jeden Morgen, nachdem Mann und Kinder das Haus verlassen haben, ein Medikament einnimmt, um den Alltag besser meistern zu können, waren sich alle einig - hier liegt eindeutig Sucht vor. Seltsamerweise nicht, wenn eine Mutter sich vom Hausarzt Arznei verordnen lässt, die sie ihrem Sohn auf dem Weg zur Schule mitgibt, damit dieser sich vor Klassenarbeiten damit beruhigt.
Zum Abschluss gab es Schildchen, die auf dem Rücken befestigt wurden, auf denen die verschiedensten Suchtmittel zu lesen waren. Die Aufgabe lautete, sich gegenseitig Fragen zu stellen, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden durften. Dadurch sollten die Teenager gegenseitig herausfinden, um welchen Stoff es sich handelt. Ob er legal ist oder nicht, ob er eher körperlich oder psychisch abhängig macht oder in welcher Form er den Organismus schädigt.
Und hier war einer der wenigen Momente, wo sich die Lehrerin Anja Buchheit einmischte. So erläuterte die Suchtpräventionsbeauftragte der Realschule , dass sich im Gegensatz zu Alkohol, der sich relativ schnell abbaue, beim „Kiffen" Wirkstoffe bis zu einer Woche im Körper nachweisen ließen oder ergänzte fehlendes Wissen zum Unterschied zwischen Magersucht und Bulimie. Disziplinarisches Eingreifen war bei diesen Schulstunden kaum gefordert. Erstaunlich aufmerksam und interessiert machten die Schüler mit, auch wenn manches Mal die Spekulationen sehr ins Kraut schossen oder Vorurteile übermächtig wurden. Nach 90 Minuten jedenfalls war die „Mannschaft" um einige Erfahrungen reicher. (mhz)
RHEINPFALZ , 11. Mai 2005