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Hitzeschutz im Alter: Zweiter Aktionstag in Kirchheimbolanden
Die Paulskirche als bewusster Zufluchtsort
Projektleiterin Carmen Müller (DIAKOM / Diakonisches Werk Pfalz) führte als Moderatorin durch das dichte Programm und erinnerte in ihrer Eröffnungsrede an die Geburtsstunde der Initiative. Am 13. August 2025 hatte die erste Veranstaltung im Westflügel der Stadthalle unter extremen Bedingungen stattgefunden: Bei unerbittlichen 33 bis 35 Grad – dem damaligen Spitzenwert in der gesamten Pfalz – gerieten Teilnehmer und Organisatoren in den mäßig belüfteten Räumen ins Schwitzen.
Aus dieser Erfahrung zog das Netzwerk Konsequenzen. Der Wechsel in das angenehm kühle Innere der Paulskirche funktionierte nicht nur logistisch hervorragend, sondern verdeutlichte symbolisch, worum es beim Hitzeschutz geht: das Schaffen und Aufsuchen von kühlenden Schutzräumen.
Klimatische Zäsur und die Notwendigkeit von Taten
In historischen und meteorologischen Einordnungen legte Müller dar, dass extreme Hitzetage seit den 1980er-Jahren in Deutschland spürbar zunehmen. Spätestens seit dem verheerenden „Jahrhundertsommer“ 2003 und den extremen Dürrejahren ab 2018 sei klar, dass Hitze kein bloßes „Badewetter“ darstellt, sondern die tödlichste Naturgefahr in Deutschland ist. Während jahrzehntelang der Fokus fast ausschließlich auf dem langfristigen Klimaschutz (der CO₂-Reduktion) lag, wurde die dringliche Klimaanpassung vor Ort sträflich vernachlässigt. Der Aktionstag versteht sich daher auch als Instrument, um den Handlungsdruck auf Politik und Verwaltung aufrechtzuerhalten und Hitzeschutz als feste kommunale Aufgabe zu verankern.
Medizinische Expertise und praxisnahe Impulse
Das hochkarätige Vortragsprogramm bot den zahlreichen Gästen tiefgehende Einblicke in gesundheitliche Präventionsmaßnahmen:
- Medikamente im Fokus: Apotheker Dr. Marc Muchow räumte in seinem Vortrag „Mythen über Arzneimittel – die größten Irrtümer aus Apotheke und Internet“ mit gefährlichem Halbwissen auf. Er beleuchtete intensiv, wie extreme Hitze die Wirkung und Lagerung von Medikamenten beeinflussen kann.
- Hautgesundheit und Prävention: Dr. Katrin Limbach, Leiterin des Gesundheitsamtes in einer Doppelspitze, stellte das wichtige Projekt „Watch-Out – gemeinsam gegen Hautkrebs“ vor und sensibilisierte für den medizinischen Infektions- und Gesundheitsschutz im Sommer.
- Ernährung und Haushaltswissenschaften im Alltag: Die Diplom-Ökotrophologin Dagmar Pfeffer verdeutlichte dem Publikum praxisnah, wie stark der menschliche Organismus im Alter durch Hitze beansprucht wird und wie sich diese Belastung durch eine gezielte, leichte Lebensmittelauswahl sowie eine strategische Flüssigkeitszufuhr spürbar senken lässt. Ihre alltagsnahen Tipps zeigten auf, dass effektiver Gesundheitsschutz oft schon bei der richtigen Vorratshaltung und Speisen-Zubereitung an heißen Tagen beginnt.
- Klimaschutz und Klimagerechtigkeit im Fokus: Als Fachreferentin für Klimawandel und Klimaschutz bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz bereicherte die diplomierte Meteorologin Bettina Niestrath das Programm. Sie lenkte den Blick auf die großen Zusammenhänge von Klimaschutz, Klimagerechtigkeit und dem sogenannten CO₂-Handabdruck. Die Expertin vermittelte den Zuhörern alltagsnahes Wissen zum sommerlichen Hitzeschutz im direkten Wohnumfeld – von effektiven Lüftungs- und Verschattungsstrategien für Gebäude bis hin zur kühlenden Wirkung von Fassadenbegrünungen.
Wertvolle neue Unterstützung und kommunale Praxis
Über das engagierte Netzwerk der Omas for Future stieß Annette Flintermann zur Initiative hinzu. Die in den Niederlanden geborene und heute in Rheinland-Pfalz lebende Expertin bringt einen beachtlichen Erfahrungsschatz mit: Sie ist die ehemalige Klimaschutzmanagerin der Stadt Hennef an der Sieg, engagiert sich bei den Omas for Future, den European Grandparents for Climate sowie beim Solarcamp for Future und schloss im Jahr 2025 zudem ihre Qualifizierungen zur Permakultur-Designerin und zum Life Coach ab. In ihrem fundierten Fachbeitrag zeigte Flintermann eindringlich auf, was Städte und Kommunen konkret für ihre Bürgerinnen und Bürger im Bereich des Hitzeschutzes tun können und welche Hebel auf lokaler Ebene existieren.
Lokale Klimafolgenanpassung im Fokus
Vor dem geplanten Abschluss der Vortragsreihe stellte Dr. Jamill Sabbagh den Anwesenden konkrete, bereits zur Umsetzung bereitstehende Projekte aus seiner kommunalpolitischen Amtszeit im Donnersbergkreis vor. Seine praxisnahen Konzepte zeigten eindringlich auf, wie der Landkreis und die Stadt aktiv an die unumkehrbaren Klimafolgen angepasst und nachhaltig hitzeresistenter gemacht werden kann.
An diesen wertvollen Konzepten möchte das Netzwerk in Zukunft sehr gerne gemeinsam weiterarbeiten. Es wurde deutlich, dass die Umsetzung dieser praxisnahen Ideen als unser gemeinsamer Auftrag für die Zukunft verstanden werden kann, um den Donnersbergkreis und die Stadt Hand in Hand zukunftssicher aufzustellen.
Tatkräftige Unterstützung und der „Klimastrahl“ als Augenöffner
Wie wichtig die direkte Verknüpfung von Klimaschutz und Klimaanpassung im Alltag ist, machte die Regionalgruppe Omas for Future Donnersbergkreis deutlich, die seit Dezember 2025 rund um Kirchheimbolanden als offizielle Ortsgruppe aktiv ist. Die parteipolitisch unabhängige Gruppe richtet sich an Frauen und Männer der Generation 50+, die ihre Lebenserfahrung aktiv für eine enkelfreundliche Welt einbringen möchten – getragen von Herz, Humor und der Freude an positiver Veränderung statt von Verzicht.
Stellvertretend für die gesamte Gruppe präsentierte Andrea Mehne ein besonderes visuelles Highlight der Veranstaltung: den „Klimastrahl“ des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Dieses beeindruckende, 33 Meter lange Banner fungierte als intuitiver Augenöffner für alle Anwesenden. Ohne komplizierte Tabellen oder lange Texte machte der Klimastrahl die abstrakten Daten der globalen Erwärmung und der lokalen Hitze-Extreme für jeden Betrachter sofort begreiflich. Das „Klimafieber“ wurde dadurch physisch miterlebbar. Ergänzt wurde der Auftritt der Gruppe durch alltagsnahe, praktische Tipps in den Bereichen Energiesparen, nachhaltiger Konsum und naturnahes Gärtnern.
Markt der Möglichkeiten“, Demokratiemobil und Selbsthilfebus
Neben den Fachvorträgen nutzten die Besucher ausgiebig die Gelegenheit, im „Markt der Möglichkeiten“ an den Informationsständen des Gesundheitsamtes, des Pfalzklinikums Rockenhausen, des Pflegestützpunktes Donnersbergkreis, des Programms Gemeindeschwester plus und der Diakonie vor der Paulskirche tiefergehende Beratungen in Anspruch zu nehmen. Der Außenbereich zeichnete sich dieses Mal durch eine besonders starke mobile Präsenz aus: Neben dem durch das EU-Programm LEADER geförderten Demokratiemobil, das von Annette Flintermann präsentiert wurde und als mobile Begegnungsstätte für den Bürgerdialog diente, bereicherten auch besonders weit gereiste Gäste die Veranstaltung. Die SEKIS Trier (Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle) war mit ihrem eigenen Selbsthilfebus vor Ort. Mit ihrem umfangreichen Infomaterial zu gesundheitlichen Themen und Angeboten zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe ergänzten die Trierer Kollegen das lokale Netzwerk auf perfekte Weise und stießen auf großes Interesse bei den Besuchern.
Bei Kaffee, erfrischendem Eis von Kerstin Wink aus Oberwiesen und Kuchen vom Café Gallé aus Göllheim wurden im Anschluss intensiv Kontakte zwischen Medizin, Pflege, Ehrenamt und Kommunalpolitik geknüpft.
Dank an Unterstützer und Politik
Ein besonderer Dank der Veranstalter galt am Ende des Tages nicht nur den engagierten Netzwerkpartnern und medizinischen Fachkräften, sondern auch den anwesenden Akteuren aus der Politik. Der Besuch der regionalen Kommunalpolitikerinnen Jaqueline Rauschkolb und Lisett Stuppy unterstrich die Bedeutung, die das Thema Hitzeschutz mittlerweile auf politischer Ebene im Donnersbergkreis und darüber hinaus eingenommen hat. Ihr Kommen setzte ein wichtiges Zeichen für die notwendige enge Zusammenarbeit zwischen sozialen Netzwerken und politischer Verantwortung.
Der zweite Aktionstag hat eindringlich bewiesen: Hitzeschutz ist Gesundheitsschutz und Lebensrettung. Er kann nur gelingen, wenn der Donnersbergkreis und seine Kreisstadt weiterhin gemeinschaftlich hinsehen, Netzwerke stärken und aktiv aufeinander achtgeben.
Klimarundgang wird bei nächster Hitzeperiode nachgeholt
Der gemeinsam geplante Klimarundgang musste dieses Mal wetterbedingt verschoben werden. Bei mäßigen Temperaturen von nur rund 20 Grad war der geplante Einsatz einer Wärmebildkamera zur Sichtbarmachung von urbanen Hitzeinseln und schattigen Zufluchtsorten fachlich nicht aussagekräftig. In enger Absprache mit der Verbraucherzentrale und dem Förderkreis Schloßgarten e.V. wurde daher beschlossen, den Rundgang zu verschieben. Die Veranstalter bedanken sich an dieser Stelle ausdrücklich für die große Flexibilität aller beteiligten Partner und Experten, durch die diese Aktion nun unkompliziert nachgeholt werden kann. Sobald die nächste echte Sommer-Hitzeperiode die Region erreicht, wird der Rundgang kurzfristig realisiert. Eine entsprechende Einladung an die Bevölkerung wird rechtzeitig über die lokale Presse veröffentlicht.
Text: Carmen Müller, Diakonie
